Tag 1: Haimhausen – Biberbach – Eulenthal
Als ich Samstagmorgen aufstehe, ziehen noch Nebelfetzen über die Felder. Für ein ausgiebiges Frühstück bin ich viel zu aufgeregt, also zwinge ich mir ein Toast rein und fahre in den Stall, um vor unserem Start noch auszumisten. Die Pferde brummeln mir mit tiefer Stimme entgegen. Ich nehme mir Zeit und merke doch wie mir mein Herz bis zum Hals schlägt. Tausend Fragen schießen mir durch den Kopf: Halten meine Rippen durch? Und mein Kopf – der Schreck vom Sturz am vorherigen Tag steckt noch in all meinen Knochen! Hält mein Pferd durch? Vertragen sich die Zausel? Klappt alles mit der Unterkunft?
Als Gesa eintrudelt, bin ich schon am Putzen. Ruhig arbeiten wir vor uns hin, bis wir endlich abmarschbereit sind. Wir warten auf Andrea und Markus, die von Haimhausen zu uns rüberreiten. Ungeduldig erklimmen wir samt Pferde die Anhöhe hinterm Stall, um zu sehen, wo sie bleiben. Da kommen sie schon in flottem Trab auf uns zu. Jetzt geht es los! Wir sind alle bestens gelaunt und das Wetter könnte nicht schöner sein: Der Nebel hat sich längst verzogen und die Sonne wird unseren Ritt das ganze Wochenende hindurch begleiten.
Am ersten Tag kommen wir prima ohne Karte zurecht. Das erste Stück führt uns durch vertrautes Ausreitgebiet und Gesa kennt die Wege gut, hat sie in den vergangenen Jahren viel reiten müssen, um sich und ihre Isländerin optimal auf die drei Alpenüberquerungen vorzubereiten. Außerdem hat sie wenige Tage vorher einen Großteil der Strecke tapfer mit dem Rad abgefahren. DANKE GESA!
Stoppelfelder und Begegnungen der dritten Art
Der Herbst ist eine perfekte Zeit zum Wanderreiten. Wir nutzen gerne und viel die abgeernteten Maisfelder und verändern spontan die ein oder andere Streckenführung. Kurz vor Überquerung der Glonn erinnert uns Salka daran, bei aller Ruhe und Gemütlichkeit des Ritts doch konzentriert zu bleiben. Sie stolpert auf einem herrlichen Wiesenweg über ihre eigenen Haxen und stürzt auf beide Karpalgelenke. Aber sie läuft taktklar und schmerzfrei weiter, nichts schwillt an und wir hoffen, dass es so bleibt.

In Glonn begegnen wir Vierbeinern der dritten Art – Schweine! Die Pferde bleiben cool und wir bekommen bei ihrem Anblick langsam Appetit (Wann sieht man noch Schweine im Garten mit Suhle – die müssen einfach gut schmecken). Zuvor durchqueren wir den Ort und begegenen erneut einem Schwein, diesmal auf einem Motorrad sitzend, das auf unserer Höhe merkbar absichtlich den Motor aufheulen lässt. Unser Pferde machen einen Satz, ich verliere die Contenance und brülle ihm Schweinereien hinterher. Zur Ehrenrettung von Zweiradfahrern muss ich aber sagen, dass ich bisher auch ausgesprochen gute Erfahrung mit Motorradfahrern auf Ausritten gesammelt habe.
Bald wird es Zeit für eine kleine Brotzeit im Wald, die wir uns echt verdient haben: Wir schlugen uns zwischen Wald und Maisfeldern zeitweise recht abenteuerlich und abseits der Wege - aber immer noch vertretbar – durch die Landschaft und ich habe mir, nach dem Sturz am Tag zuvor, ein paar Galoppsprünge getraut und es sogar richtig genossen.
An einem Fischweiher bei Thalmannsdorf/Jetzendorf müssen unsere Pferde richtig klettern. Es geht im Wald steil bergauf und ich spüre, wie Power sich anstrengt. Bunte Blätter rascheln, Äste knacken. Powers Hinterhand arbeitet unter mir wie eine Maschine.Ich habe das Gefühl, das abwechslungsreiche Gelände macht ihm genauso viel Spaß wie mir.
Endspurt Richtung Alberzell
Hinter Thalmannsdorf reiten wir kreuz und quer durch das Klingenholz und genießen den federnden Waldboden. Wir sind überrascht, dass wir an diesem herrlichen Tag noch keinem anderen Reiter begegnet sind, denn Alberzell naht, wo der Reitverein an diesem Tag seinen alljährlichen Orientierungsritt veranstaltet. Dort angekommen, nutzen wir die Gelegenheit und das Kuchenangebot des Reitvereins, um eine kleine Pause zu machen. Mit Gleichgesinnten ratschen wir über unsere Zausel und die Reiterei und brechen wieder auf zum Endspurt. Power ist müde und schlurft den anderen hinterher. Ich bin einfach nur glücklich und bekomme das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Schon zwanzig Minuten später erreichen wir Eulenthal, den Hof von Beate und somit unsere Übernachtungsstation, wo wir herzlich begrüßt werden. Wir teilen die riesigen Boxen ab, damit unsere Pferde ihre Nacht ungestört voneinander verbringen können und legen ihnen großzügig Heu vor, auf das sich Power mit gewohnt gutem Appetit stürzt
Ich bin stolz auf mein Pferdchen, das seinen ersten Ganztagesritt so toll bestritten hat. Liebevoll bürste ich seinen Rücken, dann lasse ich ihm einfach seine Ruhe.
Wir sitzen noch in der Sonne bis unser Abendessen in der Blockhütte auf dem Tisch steht. Nach einem Kontrollgang in der Stall frönen wir dem Rotwein, der uns leider nicht vor einer schlaflosen Nacht bewahrt (nein, Markus’ Schnarchen hat nicht gestört… vielmehr die gemein summenden Stechmücken).
Da die Toilette neben dem Stall liegt, müssen wir diverse Male durch die Vollmondnacht schlurfen. Die Atmosphäre ist einzigartig: Die Pferde von Beate dösen in ihren Offenställen, alles ist ruhig und friedlich, derMond gießt alles in ein unwirkliches Licht – gigantisch schön.
Tag 2: Eulenthal – Biberbach – Haimausen
Beate nimmt uns am nächsten Morgen das Füttern ab, so frühstücken wir schnell, packen zusammen, misten aus und machen unsere Pferde fertig, die deutlich flotter als am Vortag starten. Auch Salka ist nach ihrem Sturz fit.
Das Gelände ist ein Traum: bergauf, bergab, entlang Huf schonender Wiesenwege reiten wir Richtung Badershausen. Ich kann den bei uns so spärlich gesäten „Bergaufwegen“ nicht widerstehen und galoppiere mit Power voraus (Darius folgt im Traber-Trab
und bin so glücklich, weil alles gut läuft. In Volkersdorf überqueren wir wieder einmal eine schmale Fußgängerbrücke und sind froh, dass unsere Pferde alles so toll mitmachen. Meine Rippen fangen an zu schmerzen aber ich versuche alles zu genießen…
Auf der Suche nach Wasser
Bei Thann durchqueren wir ein Waldstück und reiten den Schwöllgraben in flottem Trab nach Sollern durch, wo wir unsere Ex-Stallkameradin Steffi spontan besuchen und bei der Gelegenheit gleich nach Wasser für die Pferde fragen möchten. Steffi ist nicht da und die Pferde kriegen nix zu saufen, auch beim tollen Metzger in Lindach ist alles fragen vergeblich. Scheinbar sind sämtliche Bauern diesen Sonntag ausgeflogen. Wir machen eine Pinkelpause und ich bin verblüfft wie weit ein Reiter mit Parelli kommen kann: Markus und sein Wallach machen es gleichzeitig…
Mitten in einer Einfamilienhaussiedlung in Ziegelberg sagt uns endlich ein netter Mann sofort Wasser zu. Er kommt mit einem „Josera“-Eimer und wir wetten drauf, dass es in dieser Familie sicherlich einen Reiter gibt… Die Pferde haben großen Durst und wir sind froh, so hartnäckig gewesen zu sein.
Plötzlich gibt Power Gesa einen heftigen Nasenstüber, als er aufschreckt. Sie ist schmerzgebeugt und wir fürchten alle einen Bruch. Doch eine Alpenüberquererin haut so schnell nix um – wir können weiter.

Mittagspause bei Schnitzel und Kürbis
Wir erreichen heimisches Gebiet. In Asbach parken wir die Pferde im Garten vom Gasthaus
und setzen uns im Biergarten in die warme Sonne. Wir futtern Schnitzel und die beste Kürbissuppe, die ich seit langem gegessen habe. Sandra und Manuela aus Haimhausen sind uns
entgegengeritten und komplettieren unsere Schlussetappe, die vom Gelände her nicht sonderlich beeindruckt: Viele Schotterwege mit richtig fiesem scharfkantigen Schotter und Beton.
In Biberbach angekommen verabschieden wir uns von der Haimhauser Truppe und versprechen uns im kommenden Jahr die Wiederholung.
Es war ein tolles Erlebnis! Pferde und Reiter verstanden sich gut und ich bin immer wieder froh über die tolle Verbindung zu meinem ehemaligen Stall.
Markus, meine Rippen und ich danken dir, dass du abends noch unsere Klamotten vom Eulenthal abgeholt hast!